Logo der Universität Wien
Workshop Fakten und Mythen in der Sprachgeschichte

Die historische Sprachwissenschaft hat unter den Geisteswissenschaften eine Sonderstellung: Sie steht seit jeher im Spannungsfeld empirisch-analytischer sowie konstruktivistisch-hermeneutischer Ansätze. Das heißt sie gehört einerseits zu den Wissenschaften, die „objektive“ Naturphänomene mit möglichst “exakten” Methoden untersuchen, andererseits beschäftigt sie sich aber, so wie die Kultur- und Sozialwissenschaften, mit gesellschaftlichen und psychologischen Konstruktionen.

Im 19. Jahrhundert, als die Methode der vergleichenden Rekonstruktion entwickelt und die erstaunliche Gesetzmäßigkeit phonologischer Korrespondenzen zwischen verwandten Sprachen wahrgenommen wurde, professionalisierte und profilierte sich die Sprachwissenschaft immer deutlicher als linguistic science (und funktionierte auch als ein methodologisches Vorbild für einige andere Forschungsgebiete). Zu der klassischen vergleichenden Methode gesellen sich heute weitere „naturwissenschaftliche“ Forschungsansätze: Die umfassende Digitalisierung historischen Textmaterials, parallele Entwicklungen in der variationistischen Sprachwissenschaft, die Renaissance und Weiterentwicklung gebrauchs- und verhaltensbasierter Kompetenz- und Kognitionstheorien, sowie die Entwicklung von Computersimulationen haben dazu geführt, dass quantitative Methoden verstärkt in die historische Linguistik Einzug gehalten haben. Das heißt, es gibt immer mehr Möglichkeiten, Sprachen in ihrer geschichtlichen Entwicklung als objektiv existierende, komplex-adaptive Systeme zu erforschen, und dabei ähnliche Methoden wie die Naturwissenschaften (z.B. die Evolutionsbiologie und Genetik) zu gebrauchen.

Zugleich ist die Erkenntnis gereift, dass sowohl Sprachen an sich, als auch die Geschichten von Sprachen, Produkte gesellschaftlicher, kultureller und sozio-psychologischer Prozesse sind. In diesem Zusammenhang hat sich das Blickfeld der Sprachwissenschaft wieder auf den psycho-sozio-kulturellen Kontext ausgeweitet: So gilt als unbestritten, dass die Bedeutung und Funktion sprachlicher Ausdrücke ohne Berücksichtigung von individuellen Intentionen, gesellschaftlichen Konventionen und Interaktion der SprecherInnen kaum zu beschreiben ist. Auch die systemischen und strukturellen Eigenschaften von Sprachen können also als Aspekte kommunikativen Verhaltens verstanden und z.B. mit „ethnomethodologischen“ Methoden untersucht werden. In der Sprachtypologie wird die Erforschung von Zusammenhängen zwischen Sprachstruktur und Kultur, nach Jahrzehnten des simplistischen Universalismus (alle Sprachen gehen einfach auf eine gemeinsame genetisch bedingte universal grammar zurück), wieder aktuell.

Während Sprachen und deren historische Entwicklung also einerseits objektive Phänomene darzustellen scheinen, die mit „naturwissenschaftlichen“ Methoden erfassbar sind, scheinen zugleich auch die meisten Erscheinungsformen von Sprache viele ihrer relevanten Eigenschaften erst in der Interaktion mit menschlicher Subjektivität zu gewinnen, was die Objektivität der Sprachgeschichte prinzipiell in Frage stellt. Außerdem stehen historische Sprachwissenschaftler oft einer lückenhaften, von häufigen Vieldeutigkeiten geprägten Quellenlage gegenüber. Daraus ergibt sich die grundsätzliche Frage nach der Qualität des Wissens, das (historische) Sprachwissenschaftlerinnen erzeugen: Gewinnen wir faktische Erkenntnisse, oder konstruieren wir Mythen?

Die Problematik ist insofern von mehr als nur akademischem Interesse, als vor dem Hintergrund der Globalisierung, die mit vermehrten Sprachkontakten ebenso einhergeht wie mit Sprachensterben und der Entstehung parochial-nationalistisch motivierter Gegenströmungen, sowohl Fragen nach dem historischen Ursprung von Sprachen (etwa in neo-nationalistischen Bewegungen in Ungarn) als auch Fragen nach dem Status emergierender internationaler Kommunikationssprachen (Lingua Franca English) auf großes gesellschaftliches Interesse stoßen, ihre Behandlung im öffentlichen Diskurs jedoch häufig ideologisch, politisch, oder ökonomisch instrumentalisiert wird. Auch angesichts der Tatsache, dass es ideologisch motivierten Strömungen in der Vergangenheit immer wieder gelungen ist, sich durch den Bezug auf (pseudo-)wissenschaftliche Erklärungssysteme zu legitimieren (z.B. Welteislehre, Sozialdarwinismus) , muss für historische SprachwissenschaftlerInnen die Frage, ob ihre Methoden verlässliches Faktenwissen produzieren, oder ob sie sich letztlich als GeschichtenerfinderInnen mit akademischem Gütesiegel verstehen müssen, von grundlegender Bedeutung sein.

In einem zweitägigen, interdisziplinären Workshop mit internationaler Beteiligung wollen historische SprachwissenschaftlerInnen unserer Fakultät und Sprachwissenschaftlerinnen, die an Problemen mit historischen Aspekten arbeiten, sich mit dem Status ihrer Disziplin unter dem Blickwinkel der beschriebenen Grundsatzproblematik auseinandersetzen. Dabei werden Beiträge erwartet, in denen aktuelle Forschungsarbeiten und Ergebnisse nicht nur dargestellt, sondern zur der dem Workshop zugrundeliegenden Fragestellung in Beziehung gesetzt werden.

Interessierte sind herzlich willkommen. Aus organisatorischen Gründen bitten wir jedoch um Voranmeldung per e-Mail.

Programm

Plattform Historische Sprachwissenschaft
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Universität Wien

Dr.-Karl-Lueger-Ring 1
1010 Wien
E-Mail
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0